Essay: Kai T.
Nachdem wir im Seminar verschiedene Strömungen der Analyse und Betrachtung auf und von Technik betrachtet haben, beschreibt Hartmut Rosa in seinem Buch „Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ in welchem Maßstab technische Entwicklungen (hier: Beschleunigung) soziale Beschleunigungsprozesse mitbestimmen, aber nicht determinieren, wie er im Fazit des Kapitels der drei verschiedenen Beschleunigungsprozesse innerhalb der Gesellschaft beschreibt. Dadurch hebt er sich von der technikdeterministischen Sichtweise ab, beschreibt aber gleichzeitig, inwiefern sowohl Technik als auch Gesellschaft in einer ständigen Wechselbeziehung nebeneinander (und miteinander) funktionieren.
Im Kapitel 3.2 des Buches „Beschleunigung“ beschreibt Hartmut Rosa die von ihm untersuchte Dreiteilung der Beschleunigungsprozesse des technischen, sozialen und des Wandels des Lebenstempos. Dabei betrachtet er die Beschleunigung der Gesellschaft einmal unter dem Aspekt der Beschleunigung durch Technik (hier: Beschleunigung zielgerichteter Vorgänge) und die direkten und indirekten Auswirkungen auf gesellschaftliche Prozesse. Anschließend betrachtet er die Beschleunigung des sozialen Wandeln, wobei hier Begrifflichkeiten eingeführt werden, die für eine Bestimmbarkeit sozialer Wandlungsprozesse nötig sind. So greift er auf Begriffsbestimmungen wie Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft von Lübbe (vgl. S. 131) zurück, zeigt aber auch, inwiefern der technische Wandel „[...] die materielle Basis und eine Ermöglichungsbedingung für Vielfalt [...]“1 bereitstellt. Dass hier allerdings noch nicht von einer kausalen Zusammenhangskette gesprochen werden kann, macht er bereits am Anfang des Kapitels deutlich. Die Dreiteilung der Beschleunigung gesellschaftlicher Teilprozesse beschließt er mit dem Absatz der Beschleunigung des Lebenstempos, worunter er die „Steigerung der Handlungs- und/oder Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit“2 versteht.
Um Rosas Theorie der Beschleunigung der Gesellschaft kontrovers zu diskutieren, wähle ich das Beispiel des Fahrrades. Eine oft benutzte Technologie, wenn es um die Betrachtung der Technikgenese oder techniksoziologischer Gesichtspunkte geht. In der folgenden Diskussion werden einzelne Konzepte der Theorie angewandt und gezeigt, inwiefern zum Beispiel das Fahrrad auch als technische Beschleunigung gesehen werden kann (auch wenn das im ersten Moment kontraintuitiv erscheint).
Nachdem die Entwicklung des Fahrrades in den vergangenen Jahrzehnten gut untersucht wurde und die Entwicklungsgeschichten bisweilen gut dokumentiert wurden, scheint auch in der heutigen Zeit eine erneute Fahrrad“revolution“ zu starten. Gründe dafür lassen sich wahrscheinlich vielfältige identifizieren, die an einer anderen Stelle diskutiert werden sollten. Mit der Theorie der Beschleunigung von Rosa möchte ich aufzeigen, wie auch in der Entwicklung neuer Trends, Techniken und Handlungsroutinen, das Fahrrad zum Beispiel in der Großstadt zu einer Beschleunigung beitragen kann, obwohl zuerst vermutet werden könnte, dass durch eine augenscheinliche Entschleunigung die Theorie Rosas kritisiert werden könnte.
Nachdem das Auto insbesondere in Deutschland einen Siegeszug der individuellen Mobilität erfahren hat und über das einfache Transportieren von Gütern, Menschen und somit auch Beziehungen und Informationen hinaus zum Status- oder Kultobjekt begeisterter HobbybastlerInnen geworden ist, ist auch das Fahrrad mit der Zeit „erwachsen“ geworden. Erst vor kurzen wurde vor dem Franklingebäude der TU Berlin ein Fahrbahnstreifen extra für FahrradfahrerInnen eingerichtet. Ähnliche Tendenzen der Erleichterung für FahrradfahrerInnen lassen sich an vielen Stellen innerhalb der Stadt erkennen. Eine Tatsache die Rosas Theorie der Beschleunigung untergräbt? Im ersten Ansatz möglicherweise schon, da bewusst auf eine etablierte Technologie (Auto) zugunsten einer langsameren und weniger effizienten Technologie (Fahrrad) verzichtet wird.
Doch wie entwickelt sich das Fahrrad weiter? Gibt es auch hier die Tendenz zu einer technischen oder sozialen Beschleunigung? Betrachtet mensch die Entwicklung des Fahrrades, kann auch hier gesehen werden, dass das Fahrrad im Laufe der Zeit durch technologische Weiterentwicklungen dazu gebracht wurde, verschiedene zielgerichtete Vorgänge zu beschleunigen (vgl. Definition technische Beschleunigung Rosas). Zum einen werden und wurden Spezialformen und -typen entwickelt, um das Fahrrad und dessen technische Möglichkeiten auszudehnen. Allein die standardisierte Gangschaltung am Fahrrad lässt darauf schließen, dass zum Beispiel das Transportieren von Lasten ermöglicht und zielgerichtet erleichtert werden soll. Auch die Entwicklung eines sehr spartanischen ausgestatteten, jedoch hoch-technisierten „Fixi“-Fahrrades zeigt, dass auch hier Versuche unternommen wurden, um die Spitzengeschwindigkeiten zu erhöhen, um eventuelle Zeitverluste durch den Verzicht auf Auto oder öffentliche Verkehrsmittel zu kompensieren. Die Überlegung kommt auf, ob nicht hiermit trotzdem eine gewisse Entschleunigung einsetzt, da bewusst auf die maschinelle Fortbewegung verzichtet wird um sich den individuellen Grenzen der menschlichen Muskelkraft auszusetzen (obwohl Technologien vorhanden wären, um diese Grenzen zu umgehen und zu kompensieren). Eine Entwicklung des Fahrrades hin zu einer gleichstarken Alternative zum Standard des Individualverkehrs (Automobil) kann vermutet werden und lässt Interpretationsspielräume, dass die Grenzen des Möglichen und Sinnvollen (noch) nicht als erreicht betrachtet werden können.
Von einem anderen Standpunkt heraus kann argumentiert werden, dass durchaus die Sichtweise besteht, dass Individuen in Großstädten das Potenzial, bzw. die Beschleunigung des Individualverkehrs in der Nutzung des Fahrrades sehen. Hier ließe sich deutlich die Theorie Hartmut Rosas erkennen, da er auch beschreibt, dass bei einer kollektiven Technisierung, zum Beispiel im Straßenverkehr durch Autos, die Durchschnittsgeschwindigkeit sinken kann3.
Mein Augenmerk möchte ich jedoch darauf lenken, dass selbst bei einer scheinbar etablierten Technologie, wie dem Auto, alternative Handlungsspielräume die Entwicklung von Technologien, wie dem Fahrrad, zulassen, welche aber auch einer beschleunigten Entwicklung unterliegen können. Es könnte untersucht werden, inwiefern sich zum Beispiel bei Fahrrädern das Gewicht oder die Durchschnittsgeschwindigkeit verändert hat. Aus welchen Gründen bestünde nun überhaupt die Wahl, anstatt des Autos auf das Fahrrad umzusatteln? Unstrittig dürften finanzielle Gründe eine große Rolle spielen, darüber hinaus auch Gründe die im Bereich des Umweltschutzes oder der körperlichen Fitness zu suchen wären. Dies würde zeigen, dass, wie Rosa es beschreibt „[...] die technische Beschleunigung […] deshalb gleichsam nur die materielle Basis und eine Ermöglichungsbedingung für die Vielfalt an sozialen Beschleunigungsprozessen dar[stellt]“, die Nutzung durch die Individuen zwar teilweise wie ein Zwang angesehen werden kann, aber durchaus Spielräume bestehen, die bestehenden technischen Möglichkeiten nicht zu nutzen um andere Technologien, die eine ähnliche Funktion besitzen (Individualverkehr, Personen- oder Lastenbeförderung) zu modifizieren, um ähnliche technische „Grenzen des Möglichen (und Sinnvollen)“ erreichen zu können.
Als Abschluss möchte ich (parallel zu Rosas Kapitelstrukturierung) auch ein Augenmerk auf die „technische Beschleunigung und die Revolutionierung des Raum-Zeit-Regimes“ eingehen, weil meiner Meinung nach auch hier die Wechselwirkung zwischen technischer Beschleunigung und sozialen Interpretationsmöglichkeit und -nutzung der bereitgestellten „materiellen Basis und eine[r] Ermöglichungsbedingung“4 nachzuvollziehen ist. Rosa beschreibt hier anhand des Beispiels der Personenbeförderung, wie verschiedene Technologien und Beförderungstechniken das Raumbewusstsein der Menschen verändert hat, durch „die Einebnung des Geländes“5, den Ausbau großer Autobahnnetze bis hin zu Flugrouten, die den Menschen, wie Rosa beschreibt „völlig vom topografischen Raum des Lebens und der Erdoberfläche“6 löst. Anhand dieser Bestimmung Rosas möchte ich auch hier die Parallelen zur „Fahrradbewegung“ beschreiben. Einerseits liegt wieder die Vermutung nahe, dass auch hier das Benutzen eines Fahrrades zuerst einmal eine Entschleunigung oder eine Entwicklung zurück zu einem veränderten (in Rosas Sicht wahrscheinlich eines näheren) Raumbewusstsein (durch die direktere Wahrnehmung der Temperatur, Bodenbeschaffen, Luftfeuchtigkeit, etc.) darstellt. Andererseits lässt auch diese Technologie Entwicklungsspielräume offen, um auch diese Entwicklungsprozesse der Technik Fahrradfahren zu beschleunigen. Genannt seien hier als Beispiel die Entwicklung verschiedener Textilien, Helme, die den Körper isolieren und so eine Analogie zu einer Fahrerkabine im Auto darstellen können. Auch hier werden die wahrnehmbaren Qualitäten des Raums reduziert. Auch die Infrastruktur kann ebenso für diese Technologie, wie in der Einführung des Beispiels anhand der Errichtung von Fahrradstreifen auf (stark) befahrenen Autostraßen, angepasst werden und trägt dadurch auch zu einer zumindest sichereren Fahrt auf dem Fahrrad bei, kann aber genauso auch die durchschnittliche Fahrzeit verkürzen und so auch zu einer sozialen Beschleunigung und zu einer Verkürzung der einzelnen Handlungsepisoden (hier: die reine Fahrt mit dem Fahrrad von einem Punkt zum Ziel als abgrenzbare Handlungsepisode) führen.
Anhand Rosas Theorie lässt sich untersuchen, inwiefern zum Beispiel Technologien dazu beigetragen haben, soziale Prozesse zu beschleunigen. Wobei eine Vergleichbarkeit verschiedener Techniken, wie im Beispiel gezeigt, wohl diskussionswürdig erscheinen, zeigen sie doch, dass erst gesellschaftliche Aushandlungsprozesse dazu führen, dass und wie eine Technik genutzt wird und diese nicht immer die am weitesten entwickelte sein muss. Ebenfalls diskussionswürdig allerdings halte ich den Begriff der Beschleunigung, da dieser als solches kaum widerlegbar scheint und möglicherweise nur dadurch erkennbar wird, indem mensch rückblickend auf die Technikgenese, vorherrschenden Ansichten und Meinungen (vielleicht auch Diskurse) zu einer bestimmten Technik eine Beschleunigung als solche wahrnehmen kann, da das Beschleunigen einer Technikentwicklung oder auch Techniknutzung u.a. zur Beschleunigung sozialer Prozesse auch die langsameren vorherigen Techniken und sozialen Prozesse aufzeigt. Inwiefern in diesem Fall das Fahrrad als Entschleunigungstechnik oder -prozess oder aber als Alternative zum Auto gesehen (bei bewusstem Verzicht) oder als komplett verschiedenartige Technologie (andere Fahrbahnen, Wege, Markierungen, Symbole im Straßenverkehr, soziale Tatsachen wie ökonomische Zwänge, verschiedene relevante soziale Gruppen, die Innovationen herbeiführen, kommerzialisieren oder institutionalisieren) betrachtet werden kann, ist meiner Meinung nach nur dann klar abgrenzbar, sobald der Begriff der Beschleunigung als solcher genauer definiert ist und nicht als solche verschiedene Handlungsepisoden zwar verkürzen kann, aber durch geschaffene Freiräume erst Ermöglichungsbedingungen entstehen, die wiederum als Beschleunigung betrachtet und analysiert werden können.
1S. 174
2S. 135
3vgl. S. 125
4S. 174
5S. 164
6ebenda
Diese Arbeit ist im Rahmen des Moduls “Makrosoziologie” im Fachbereich Techniksoziologie der Technischen Universität entstanden und bewertet worden.





Letzte Kommentare